Menschen mit Behinderung gründen WG in Simmerath

Sie sind Teil eines außergewöhnlichen Projektes: Hendrik, Markus, Dario und Patrizia mit Teamleiter Patrick Scheuer von den Caritas Lebenswelten  

 

SIMMERATH Es ist kurz nach 16 Uhr. Die Tür fliegt auf. Die sechs jungen Menschen, die in der Wohngemeinschaft an der Hauptstraße in Simmerath leben, kommen gerade von der Arbeit in den Caritas Betriebs- und Werkstätten (CBW) in Imgenbroich. Die Aufregung ist groß, denn einige der Eltern sind zu Besuch, und später steht auch noch der wöchentliche Stammtisch auf dem Programm. Laura, Patrizia, Hendrik, Markus, Lukas und Dario sind Menschen mit einer geistigen Behinderung. Seit Anfang November leben sie zusammen in einer Wohngemeinschaft, wie es sie bislang kein zweites Mal in der Nordeifel gibt. Laura ist mit 23 Jahren die jüngste Bewohnerin, Dario mit 35 Jahren der älteste. Weil bei den Beschäftigten der Caritas Werkstätten immer wieder der Wunsch aufkam, außerhalb des Elternhauses zu wohnen, hatte Andrea Hein von der Kontakt-, Koordinations- und Beratungsstelle der Region Aachen (KoKoBe) im Oktober 2018 zu einem Infonachmittag eingeladen und verschiedene Wohnformen für Menschen mit Handicap vorgestellt.
Einige Eltern fassten eine Form des betreuten Wohnens für ihre Kinder ins Auge und nahmen die Sache selbst in die Hand. „Uns war schnell klar, dass wir selbst aktiv werden müssen. Es gibt in der Eifel einfach zuwenige Plätze, und die Wartelisten sind lang“, erklärt Christina Lockermann, die Mutter von Laura.

Die Eltern trafen sich regelmäßig. Manche fanden andere Lösungen, andere kamen später neu zu der Gruppe hinzu. Schließlich blieben sechs Familien übrig, die sich alle einig waren, eine betreute Wohngemeinschaft zu gestalten, eine sogenannte Intensiv BeWoWG. Im März 2020 ergab sich dann die Gelegenheit, an der Hauptstraße in Simmerath drei nebeneinanderliegende Wohnungen zu erwerben, die miteinander zu einer großen WG verbunden werden konnten. Vier Elternpaare schlossen sich zusammen und kauften die Wohnungen, die anderen beiden sind als Mieter an dem Projekt beteiligt. Die Eigentümer sind in Vorleistung gegangen und erhalten über die Grundsicherung der Bewohner nun eine Miete von den Kommunen. „Gleichzeitig lief unser sogenanntes Betreuer-Casting. Wir haben bei allen bekannten Anbietern in der Eifel und der Städteregion Aachen nachgefragt, ob sie sich vorstellen können, das Projekt zu übernehmen. Am Ende blieb nur die Caritas Lebenswelten GmbH übrig. Das waren die Einzigen, die sich das zugetraut haben“, erzählt Christina Lockermann. Für die Finanzierung der Betreuung kommt der Landschaftsverband Rheinland auf. Die Krankenkassen übernehmen die Pflegekosten, und die Familien zahlen das Haushaltsgeld, das zum Beispiel für den Kauf der Lebensmittel verwendet wird, sowie das Taschengeld für die Bewohner. „Weil es eine neue Form des Wohnens ist, mussten viele Dinge neu gestaltet, organisiert und mit den Kostenträgern ausgehandelt werden. Das funktioniert nicht von heute auf morgen“, erklärt Christina Lockermann. Gemeinsam überlegten die zukünftigen Bewohner der WG, was man braucht, wenn man von zu Hause auszieht, und planten die Einrichtung ihrer Zimmer. „Das war für alle eine spannende und auch aufregende Erfahrung. Es wurde konkreter, und sie konnten selber etwas tun, um ihrem Traum vom Wohnen außerhalb des Elternhauses näherzukommen“, berichtet Lockermann.
Unterstützung gab es von vielen Seiten, etwa von der Hilfsgruppe Eifel aus Kall, von Peter Borsdorff, der Aktion Mensch, dem Möbelhaus Brucker und von
privaten Spendern. „Dafür sind wir sehr dankbar“, betonen die Eltern.

Und dann war der große Tag endlich da. Am 1. November zogen Laura, Patrizia, Hendrik, Markus, Lukas und Dario aus ihren Elternhäusern aus und in ihrem neuen Zuhause ein. Das war der größte Schritt in ihrem Leben, ein Schritt hin  zu einer größeren Selbstständigkeit. Für die Eltern hieß es nun, loszulassen und eine andere, eine neue Rolle einzunehmen. Inzwischen sind einige Monate vergangenen, und das Leben in der Wohngemeinschaft hat sich eingespielt. Als die Bewohner von der Arbeit zurückkehren, werden sie in ihrem neuen  Zuhause von zwei Betreuer*innen der Caritas Lebenswelten empfangen und herzlich begrüßt. Die Aufgabe der insgesamt 13 Mitarbeiter*innen ist es, eine 24-Stunden-Betreuung zu gewährleisten, den Alltag der Bewohner intensiv zu begleiten und so zu gestalten, dass sie am  Leben teilnehmen können. Die Wünsche der jungen Leute stehen immer an erster Stelle. Außerdem sind zwei Ehrenamtler mit im Boot. „Dieses Engagement ist immer willkommen. Wenn jemand mit den Bewohnern schwimmen gehen will oder ins Kino fahren möchte, dann ist das sehr gerne  gesehen“, sagt Teamleiter Patrick Scheuer von den Caritas Lebenswelten. Möglichst selbstständig zu werden, ist für alle Bewohner das große Ziel. Sie genießen es, dass sie hier mehr dürfen als es manchmal zu Hause bei den Eltern der Fall war. Kochen und Bügeln stehen bei Patrizia hoch im Kurs. Montags geht sie gerne tanzen. Außerdem lernen sie und Hendrik jetzt, allein mit dem Bus zu fahren. Das wird mit ihnen geübt. Dario liebt es zu telefonieren. Markus mag die Gartenarbeit. Rasenmähen und Heckeschneiden sind Beschäftigungen, denen er gerne nachgeht. Auch das ist im  Außenbereich der Wohngemeinschaft möglich. Er und Hendrik sind alte Kumpels, gemeinsam gehen sie regelmäßig ins Fitnessstudio. „Unsere Bewohner sind ganz unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Stärken und Schwächen. Dementsprechend sind auch ihre Wünsche und Ziele ganz individuell“, sagt Scheuer. Jeder hat sein eigenes, persönlich gestaltetes Zimmer.


In Patrizias Zimmer hängt ein Bild. „Familie sind die Menschen, die immer in deinem Herzen sind, ganz egal wie weit sie entfernt sind“, ist darauf zu lesen. An der Wand steht ein Schminktisch. Der ist ihr wichtig. „Wir Frauen gehen nicht ohne Schminke raus“, sagt sie. Dort sitzt sie gerne. „Wenn ich meine fünf Minuten habe, komme ich her, um runterzukommen“, erzählt sie.

Bei Hendrik liegen Flugpläne auf dem Schreibtisch, daneben steht ein Laptop. Flugzeuge sind seine große Leidenschaft. Neben dem Fernseher steht der Vogelkäfig mit den Wellensittichen. Darios Zimmer ist auf die speziellen Bedürfnisse eines Rollstuhlfahrers ausgerichtet.


Einmal in der Woche gibt es ein Gruppengespräch. Dann werden Pläne geschmiedet und entschieden, was eingekauft wird und welche Aktivitäten stattfinden sollen. „Das entscheiden wir“, betont Patrizia. Dann wird auch der Haushaltsplan erstellt, der in dem großen Gemeinschaftsraum an der Wand hängt und auf dem jeder sehen kann, was er zu tun hat. Genau wie die Schränke, die Fächer im Kühlschrank und viele andere Dinge ist auch der  Haushaltsplan mit Bildern bestückt, um die einzelnen Aufgaben zu visualisieren und damit die Orientierung zu erleichtern. So findet jeder gleich, wonach
er sucht.

Alles ist auf die besonderen Bedürfnisse der WG-Bewohner ausgerichtet. Das Leben in der betreuten Wohngemeinschaft bietet auch den Eltern neue Perspektiven und Möglichkeiten – auch wenn das zunächst ungewohnt sein mag. „Das ist schon komisch, noch mal ein eigenes Leben führen zu dürfen. Es ist aber auch befreiend“, meint Angelika Knein, die Mutter von Markus. Auch für Christina Lockermann gibt es nun weniger Einschränkungen. „Ich habe wieder Freiraum bekommen, etwas für mich zu machen“, sagt sie. Teamleiter Patrick Scheuer ist von der neuen Wohnform überzeugt. „Ich glaube, dass das die Zukunft sein könnte“, erklärt er. Wer Interesse an mehr Informationen hat, kann sich unter Tel. 0171/4095084 an ihn wenden.

 

AZ Nordeifel Freitag, 9.9.22 - Nr. 210, Fotos und Text von Andreas Gabbert

 

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